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Kultur Lokalgeschichte Offenbach am Main

Offenbachs Lederarbeit kam aus Werkstatt, Fabrik und Heimarbeit

Im 19. Jahrhundert arbeiteten Menschen in Offenbach und im Umland an Lederwaren. Fabriken, Zulieferbetriebe und Heimarbeit gehörten zu derselben Produktionsgeschichte.

· 6 Min. Lesezeit

Hochformatige Collage mit Werkzeugen der Offenbacher Ledertäschnerei: Schärfmesser, Sattlerahle und ein Glättbein aus Knochen auf einer Werkbank.
Schärfmesser, Sattlerahle, Glättbein aus Rinderknochen: Werkzeuge, an denen sich die Geschichte der Offenbacher Lederwaren ablesen lässt. Foto: Redaktion Hierneuigkeiten

Ein Glättbein aus Rinderknochen ist ein unscheinbarer Gegenstand: kantengerundet, an einem Ende abgegriffen, an der Seite blank poliert. Mit ihm wurde das mit Leim bestrichene Leder auf Kartonzuschnitte aufgestrichen, wurden Ecken herausgearbeitet und Umschlagkanten faltenfrei angerieben. In der Vitrine liegt der Knochen allein. Die Hand, die ihn geführt hat, und die Stube, in der sie arbeitete, sind nicht mit ausgestellt.

Bekannt ist die Offenbacher Lederware als Produkt: Portemonnaie, Necessaire, Schmuckschatulle, Schreibmappe. Erzählt wird diese Industrie meist von der fertigen Ware her. Die Bestände im Deutschen Ledermuseum und im Haus der Stadtgeschichte Offenbach erlauben eine andere Reihenfolge: zuerst die Räume, die Werkzeuge, die Rohstoffe und die Gifte, dann das Produkt.

Denn Offenbachs Lederwaren kamen nicht aus einem Betriebstyp, sondern aus dreien. Großfabrik, Meisterwerkstatt und Heimarbeitsstube verarbeiteten dasselbe Material unter sehr verschiedenen Bedingungen, und der Wohlstand der einen Ebene beruhte auf der Prekarität der anderen.

Gewerbefreiheit als Startvorteil

Der Aufstieg Offenbachs zu einem der führenden Zentren der Lederwarenproduktion war keine Leistung einzelner Firmen, sondern eine Folge von Rechtsverhältnissen. Frankfurt am Main wurde im 19. Jahrhundert von einem konservativen Zunftregime geprägt, das Neuerungen abwehrte. Im isenburgischen und später großherzoglich-hessischen Offenbach galt weitgehende Gewerbefreiheit.

Dieser Rahmen zog seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert Hugenotten, jüdische Kaufleute und handwerkliche Pioniere an, die Fertigkeiten in der Buchbinderei, der Galanteriesattlerei und der Feintäschnerei mitbrachten. Ein Gewerbe, das andernorts an Zunftgrenzen scheiterte, konnte sich hier niederlassen. Die Lederwarenindustrie ist damit kein Ergebnis eines Erfindergeists, sondern zuerst eines Rechtszustands.

Eine Stadt, die fast nur aus Leder bestand

Die Volkszählung vom Dezember 1871 verzeichnete für Offenbach 20.308 Einwohner, nach etwa 6.000 Einwohnern im Jahr 1815. Bis 1895 wuchs die Stadt auf 40.000 Menschen. Um 1868 arbeiteten etwa 5.000 bis 6.000 von ihnen in der Lederwarenherstellung. Das waren 25 bis 30 Prozent der gesamten Einwohnerschaft und weit über 50 Prozent der gewerblichen Arbeiterschaft.

Die Reichweite des Gewerbes lässt sich an einem Verband ablesen: Rund 75 Prozent aller Mitglieder des Reichsverbands der Portefeuiller kamen aus Offenbach. Der Begriff Portefeuiller stammt vom französischen Wort für die Brieftasche und bezeichnete die Feintäschner, die auf kleine, hochwertige Lederwaren spezialisiert waren.

Aus dem Kernsektor entstand das sogenannte industrielle Kleeblatt. Der Maschinenbau lieferte Spalt- und Prägemaschinen, das Druck- und Lithografiegewerbe Etiketten, Kartonagen und Musterbücher, die chemische Industrie Farben, Lacke und Klebstoffe. Die Lederverarbeitung gab den Takt vor, die Zulieferer hingen daran.

Fabrik, Meisterwerkstatt, Heimarbeitsstube

Die Fertigung war keine reine Fabrikproduktion, sondern ein hierarchisch gestaffeltes Netzwerk. Die drei Ebenen hatten wenig gemeinsam außer dem Material.

Ebene Betriebsform Arbeit und Risiko
Industrielle Großfabrik Firmen wie J. Mayer & Sohn, international bekannt für die Chromgerbung, teils Hunderte Beschäftigte in zentralisierten Hallen Einkauf von Rohhäuten auf den Weltmärkten, maschinelles Zurichten, Mustererstellung und Kollektionsentwicklung, Export von fast drei Vierteln der Gesamtproduktion vor dem Ersten Weltkrieg
Meisterwerkstatt der Feintäschner meist familiär geführte Betriebe der Portefeuiller hochpreisige Kleinlederwaren wie Portemonnaies, Necessaires, Schmuckschatullen und Schreibmappen; formal selbstständige Zwischenmeister, wirtschaftlich eng an die großen Fabrik- und Handelshäuser gebunden
Heimarbeit im Umland Werkstätten in Stuben, Küchen und Kellern in Jügesheim, heute Teil von Rodgau, in Dietzenbach, Mühlheim am Main sowie in Obertshausen und dessen Stadtteil Hausen zugeschnittenes Material kam zu Wochenbeginn per Fuhrwerk, gefalzte, geklebte und genähte Teile gingen am Ende der Woche zurück, bezahlt wurde im Stücklohn

Zwischen Fabrikhalle und Wohnstube lag kein Bruch, sondern eine Lieferkette. Dieselben Häuser, die in Offenbach Musterbücher drucken und Häute spalten ließen, verteilten standardisierte Arbeitsschritte ins Umland, wenn die Mode Saison machte und die Lohnkosten sinken sollten. Aus der Heimarbeit gingen im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts einzelne selbstständige Lederwarenbetriebe im Kreis hervor.

Die Werkzeuge folgten dieser Arbeitsteilung. Das Schärfmesser trägt einen schrägen oder halbmondförmigen Schliff; mit ihm wurden die Kanten des zugeschnittenen Leders zur Fleischseite hin hauchdünn abgeschabt, damit sie sich beim Umschlagen um die Pappe nicht auftrugen und keine Wülste bildeten. Spaltwerkzeuge und Handspaltmaschinen brachten ungleichmäßige oder zu dicke Häute auf die Materialstärke, die feine Täschnerarbeit verlangt. Die Sattlerahle ist eine gehärtete Ahle mit rautenförmigem Klingenquerschnitt; sie stach das dichte Fasergefüge für die Handnaht vor, ohne die Fasern zu zerschneiden. Das Glättbein schließlich, aus Rinderknochen, Elfenbein oder Hartholz, drückte das geleimte Leder auf den Karton und rieb die Kanten an.

Was in den Werkstätten eingeatmet wurde

Die Rohledererzeugung arbeitete mit Stoffen, die den Körper angriffen. Die vegetabile Gerbung mit Baumrinde dauerte Wochen und setzte Fäulnisdämpfe frei, die als unerträglich galten. Die Weißgerbung verwendete große Mengen Alaun, also Kaliumaluminiumsulfat, das bei direktem Hautkontakt chronische Ekzeme und Schleimhautentzündungen hervorrief. Die industrielle Chromgerbung, die am Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte, brachte toxische Chromverbindungen mit sich: schmerzhafte Verätzungen, Hautgeschwüre und chronische Atemwegserkrankungen.

In den engen Werkstätten und Heimarbeitsstuben musste Glutinleim, der aus tierischen Abfällen gewonnene Knochen- und Hautleim, auf offenen Öfen flüssig und warm gehalten werden. Die fauligen Dämpfe standen dauerhaft in den Wohnräumen. Dazu kam feiner Faser- und Gerbstoffstaub vom manuellen Schärfen, Anschleifen und Spalten, der in ungefilterten Räumen eingeatmet wurde. Obstruktive Atemwegserkrankungen, Tuberkulose und chronische Bronchitis gehörten zum Alltag der Arbeiterschaft. Beim Hantieren mit ungebeizten Importhäuten aus Übersee bestand zusätzlich das Risiko einer tödlichen Milzbrandinfektion.

Der Stücklohn und die Hände der Frauen

Die Heimarbeit war der billigste Teil des Systems, und sie wurde ausnahmslos im Stücklohn bezahlt. Den Stückpreis setzten die Fabrikanten fest und kürzten ihn einseitig, wenn die Marktlage nachgab. Eine Verhandlungsposition entstand daraus nicht. Familien arbeiteten 14 bis 16 Stunden am Tag, um ein physisches Existenzminimum zu erreichen. Die Kosten für Beleuchtung, Heizung und Werkzeugverschleiß trugen sie selbst. Eine gesetzliche Lohnuntergrenze, wie sie heute der Mindestlohn von 13,90 Euro setzt, gab es nicht, und was ein Tarifvertrag verbindlich regelt, war für eine Heimarbeiterin ohne Betrieb und ohne Gegenpartei nicht erreichbar.

Die Last dieses Systems lag auf den Frauen. Männer hielten überwiegend die prestigeträchtige Meisterrolle oder nahmen den Zuschnitt vor. Die Heimarbeiterinnen übernahmen die monotonen, kraftraubenden und augenbelastenden Detailarbeiten: die Kanten mit dem Glättbein ausstreichen, Futtermaterial aus Seide und Papier vorbereiten, heißen Knochenleim einstreichen, von Hand heften und steppen. Die bürgerliche Umwelt verbuchte das als „häusliche Nebenbeschäftigung“ und entlohnte es entsprechend. Diese Arbeit lief unter ständigem Zeitdruck neben Säuglingspflege, Haushaltsführung und ländlicher Subsistenzwirtschaft; selbst schulpflichtige Kinder wurden zum Handreichen und Fadenabschneiden herangezogen.

Über diese Arbeit gibt es kaum Zahlen, weil sie in keiner Lohnstatistik auftauchte. Das Muster ist nicht verschwunden. Auch die heutige Entgeltstatistik erfasst nur, wer in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis steht; das mittlere Vollzeitentgelt von 4.013 Euro bezieht sich auf einen Ausschnitt der Erwerbstätigen, nicht auf alle, die arbeiten.

Wer heute über die Bewertung von Sorgearbeit streitet, findet in den Heimarbeitsstuben des 19. Jahrhunderts das Muster: Arbeit, die den ganzen Tag füllt, zur Nebenbeschäftigung erklärt und nach Stück bezahlt wird. Die Glättbeine, Sattlerahlen und Schärfmesser im Deutschen Ledermuseum sind dafür der Nachweis, und sie sind keine Idylle. Sie zeigen Werkzeuge, deren Gebrauch 14 Stunden gedauert hat. Die Frage, wer nach der Schicht noch Zeit für Kultur hat, ist die Fortsetzung der Frage, die in diesen Stuben begonnen hat: Wer verfügt über seine Stunden, und wer nicht.

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Quellen und Stand

  • Haus der Stadtgeschichte Offenbach, Bestände zum Ledergewerbe und zur Industrialisierung, Volkszählung vom Dezember 1871 und Gewerbestatistik um 1868.
  • Haus der Stadtgeschichte Offenbach, Sammlungen Demokratie und Zeitgeschichte, Das 19. Jahrhundert bis zum deutschen Kaiserreich.
  • Deutsches Ledermuseum Offenbach, Sammlung und Museumsgeschichte zur Lederwarenproduktion, Werkzeuge der Feintäschnerei, Schärfmesser, Sattlerahle und Glättbein.
  • Recherchestand: 3. September 2026. Alle Angaben beziehen sich auf die in den Beständen des Deutschen Ledermuseums und des Hauses der Stadtgeschichte Offenbach überlieferte Fassung.

Recherche und Prüfung durch Silja Ebeling. Externe Belege sind nur dort verlinkt, wo sie eine Aussage direkt stützen; alle übrigen Materialien sind als Klartext benannt.

Porträt von Silja Ebeling

Silja Ebeling

Kultur und Sozialgeschichte

Silja Ebeling ist 1993 in Hanau geboren, hat Europäische Kulturgeschichte und Materielle Kultur in Marburg und Berlin studiert und Ausstellungen zur Handwerks-, Industrie- und Migrationsgeschichte in Hanau und Offenbach am Main kuratiert.

Sie interessiert sich für Werkzeuge, Rohstoffe und Werktische, weil sich daran mehr über Arbeit erzählen lässt als an Denkmälern. Ihre Frage an jedes Kulturhaus lautet: Wann öffnet es, und wer hat dann Zeit?

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