Um 5:20 Uhr flackert die Leuchtstoffröhre in der Umkleide, und in der Kanne steht der Kaffee noch kalt von der Nacht. Wer so eine Schicht hinter sich hat, braucht keine Erklärung, wie sich das anfühlt. Für alle anderen lohnt der Blick in zwei Erhebungen, die sich mit Zahlen begnügen.
Der Arbeitszeitreport Deutschland 2023 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin beschreibt, wer wann arbeitet. Rund 15 Prozent der abhängig Beschäftigten arbeiten in Schichtmodellen: 8 Prozent in Wechselschicht ohne Nachtarbeit, 7 Prozent mit Nachtanteilen oder in Dauernachtarbeit. Männer sind mit 15 Prozent häufiger betroffen als Frauen mit 11 Prozent. 40 Prozent arbeiten zumindest gelegentlich an Samstagen oder Sonntagen.
Der Körper kennt keinen Schichtplan
Nacht- und Wechselschichtarbeit hängt mit schweren Ein- und Durchschlafstörungen zusammen, mit anhaltender Müdigkeit am Tag und mit verschobenen Hormonzyklen. Die Ausschüttung von Melatonin und Cortisol lässt sich nicht vollständig auf invertierte Wachphasen umstellen. Der Schlaf zerfällt in Fragmente, die Tiefschlafphasen werden kürzer, die Erholung bleibt aus. Dazu kommen chronische Erschöpfung sowie höhere Raten von arterieller Hypertonie, arteriosklerotischen Gefäßveränderungen und Herzinfarkten. Bis zu 50 Prozent der Nachtschichtbeschäftigten leiden unter chronischen Magen-Darm-Beschwerden und Dyspepsie, weil der Verdauungstrakt nachts auf minimale Sekretion programmiert ist und die Mahlzeit in der Nachtphase nicht vorgesehen war.
Warum die Zahlen die Belastung eher zu klein zeigen
Ein Teil dieser Befunde stammt aus Querschnittserhebungen, und die haben einen bekannten Schönheitsfehler. Der Healthy-Worker-Effekt beschreibt, dass gesundheitlich belastete Menschen Schichtsysteme früher verlassen. Wer übrig bleibt, ist robuster als die Belegschaft, die einmal angetreten ist. Die gemessenen Risiken fallen deshalb kleiner aus als das, was Menschen betrifft, die den Betrieb vorzeitig verlassen haben. Aus diesen Zahlen folgt keine Diagnose für den Einzelfall. Sie beschreiben erhöhte Wahrscheinlichkeiten, und die sind deutlich genug, um sie nicht zur Haltungsfrage der Betroffenen zu machen.
Kurzfristige Pläne sind ein eigener Belastungsfaktor
Unplanbarkeit wirkt zusätzlich. In Betrieben mit häufigen kurzfristigen Dienstplanänderungen berichten 63 Prozent der Beschäftigten über gravierende Probleme, Beruf und Privatleben zu vereinbaren. Wer drei Tage vorher erfährt, ob er am Samstag arbeiten muss, organisiert keine Betreuung mehr. Was eine rechtzeitige Ankündigung leistet und wo nachträgliche Änderungen an Grenzen stoßen, steht in Wenn der Dienstplan den Alltag bestimmt.
Zurück bleibt oft der Tag ohne Pause. Wer den Arbeitsplatz nicht verlassen kann, verliert die Erholung, die eine Schicht überhaupt durchstehbar macht. Die rechtlichen Schwellen und die zwei Merkmale, die eine Pause zur Pause machen, erklärt Pausen im Betrieb: Wann 30 Minuten vorgeschrieben sind.
Was Beschäftigte selbst wollen
Der DGB-Index Gute Arbeit 2025 wurde am 4. Dezember 2025 veröffentlicht und beruht auf einer Befragung von mehr als 4.000 Beschäftigten. Er fragt nicht nach Risiken, sondern nach Wünschen. 72 Prozent wollen eine tägliche Grenze von höchstens acht Stunden, 98 Prozent lehnen Arbeitstage über zehn Stunden ab. Von denen, die länger als acht Stunden arbeiten, würden 59 Prozent die Achtstundengrenze wählen, wenn sie könnten. 60 Prozent geben an, die Arbeitsmenge in der vorgesehenen Zeit nicht zu schaffen. 44 Prozent arbeiten regelmäßig länger als vertraglich vereinbart, 10 Prozent überschreiten 48 Stunden in der Woche.
Wo Arbeitstage über acht Stunden hinausgehen, verschiebt sich auch die Erholung. Das Gefühl, ausgebrannt zu sein, nennen 46 Prozent, gegenüber 23 Prozent bei kürzeren Arbeitstagen. 51 Prozent können in der Freizeit nicht abschalten, gegenüber 21 Prozent. Die Ruhezeit von elf Stunden wird bei 21 Prozent unterschritten, gegenüber 4 Prozent. Vereinbarkeitsprobleme berichten 44 Prozent, gegenüber 12 Prozent. Die Befragung zeigt keine Ursache, sie zeigt eine Kopplung, und die ist auf beiden Seiten deutlich.
Die zweite Schicht und der Rest vom Tag
Wer nach Hause kommt, ist nicht fertig. Unbezahlte Arbeit richtet sich nicht nach einem Dienstplan, und sie verschwindet nicht, wenn die Schicht länger wird: Unbezahlte Arbeit hört nach der Schicht nicht auf zeigt, wie viel Zeit in Haushalt, Betreuung und Pflege geht und wer sie aufbringt. Ein Tag hat 1.440 Minuten. Was davon nach Arbeit, Weg, Schlaf und Sorge übrig bleibt, rechnet Wie Zeit zusammenkommt in einem Modell vor, in das sich eigene Zeiten eintragen lassen.
Die Zahlen des Arbeitszeitreports sind kein Befund über eine Person. Sie gehören dorthin, wo über Schichtmodelle, Vorlaufzeiten und Besetzung entschieden wird, und in die Gefährdungsbeurteilung des Betriebs. Wer nachts arbeitet, tut das nicht, weil er es nicht besser weiß.
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- Wer den Dienstplan mitbestimmt: Betriebsrat, Personalrat und Mitarbeitervertretung und ihre Hebel bei Arbeitszeit, Pausen und Überstunden.
- Acht Stunden sind die Wunschgrenze, zeigt eine DGB-Befragung: Was die Befragung über Tagesgrenzen, Erschöpfung und Ruhezeiten zeigt.
Quellen und Stand
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Arbeitszeitreport Deutschland, Ausgabe 2023, Kapitel zu Nacht- und Schichtarbeit.
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Arbeitszeitbefragung 2023, Ergebnisse zu Schichtmodellen und Wochenendarbeit.
- Deutscher Gewerkschaftsbund, DGB-Index Gute Arbeit 2025, veröffentlicht am 4. Dezember 2025, Befragung unter mehr als 4.000 Beschäftigten.
- Die genannten Befunde beschreiben Zusammenhänge in Erhebungen, keine Diagnosen für einzelne Beschäftigte.
- Recherchestand: 6. September 2026. Alle Angaben beziehen sich auf die jeweils genannte Fassung.
Recherche und Prüfung durch Maren Vormann. Externe Belege sind nur dort verlinkt, wo sie eine Aussage direkt stützen; alle übrigen Materialien sind als Klartext benannt.








